Der 1. Dezember ist für viele Papuas ein Nationalfeiertag. Im Jahr 1961 wurde am 1. Dezember der so genannte Neuguinea-Rat, eine Art Volksvertretung der Papua feierlich installiert. Die Niederländische Regierung hatte beschlossen, ihre Kolonie West-Neuguinea bis 1970 in die Unabhängigkeit zu entlassen. Der Neuguinea-Rat verstand sich als Parlament eines demnächst unabhängigen Staates und beschloss, dass die Morgensternflagge nationales Symbol und Flagge dieses jungen Staates Westpapua sein sollte.

Für das damalige Indonesien unter Präsident Sukarno war dies eine Provokation. Er war der Meinung, West-Neuguinea gehöre als Teil des ehemaligen Niederländisch Indien zu Indonesien. Er befahl die Mobilmachung, ließ seine Truppen in West-Neuguinea einfallen und erzwang so mit Unterstützung der USA und der Vereinten Nationen (UNO) die Übergabe Westpapuas an Indonesien – gegen den erklärten Willen der papuanischen Bevölkerung.

Diese Ereignisse liegen am 1 Dezember 2021 genau 60 Jahre zurück. Bis heute hat der 1. Dezember seine Symbolkraft nicht verloren. Viele Papuas betrachten die aktuelle politische Situation als anhaltende Kolonialisierung - durch Indonesien. Der Wunsch nach Selbstbestimmung ist in 60 Jahren gewachsen, militante Rebellengruppen kämpfen in den Wäldern gegen indonesisches Militär. Indonesien ist bisher nicht dazu bereit, einen offenen Dialog mit Vertretern der Papuas zu führen, um eine friedliche Lösung des Konflikts anzustreben.

Trotz strengem Versammlungsverbots am 1. Dezember 2021 gab es Aktionen – vor allem von Studenten – die durch Hissen oder zur Schau stellen der Morgensternflagge die Forderung nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zum Ausdruck brachten. Acht Jugendliche, meist Studenten, wurden in Jayapura verhaftet, weil sie die Morgensternflagge an einem städtischen Sportzentrum gehisst hatten. Danach gingen sie öffentlich mit einer weiteren Flagge durch die Stadt zum Polizei-Hauptquartier und ließen sich festnehmen. Die Aktion wurde natürlich über die sozialen Medien verbreitet.

In der Stadt Ambon (auf den Molukken) demonstrierten papuanische Studenten ebenfalls in Erinnerung an den Unabhängigkeitstag. Sie trugen T-Shirts mit dem Symbol der Morgensternflagge. Die Demo wurde von der Polizei aufgelöst, dabei kam es zu einer Schlägerei.
In der Hauptstadt von Bali, Denpasar, demonstrierten ebenfalls Papuas mit Unterstützung von indonesischen Sympathisanten. Hier kam es ebenfalls zu einer Schlägerei mit einer nationalistischen Gruppe. Berichte gaben an, dass zwölf der Demonstranten verletzt worden seien.

Der Direktor von Amnesty Indonesia, Usman Hamid, verurteilte die Festnahme der friedlichen Demonstranten in Jayapura: „Niemand darf festgenommen werden, wenn er seine politische Meinung friedlich äußert“, sagte er.

Der Rat evangelischer Kirchen in Westpapua hat am 8. Dezember 2021 eine Erklärung veröffentlicht. Er verweist darin auf den bewaffneten Konflikt und spricht von 60.000 internen Flüchtlingen als Folge der Kämpfe in sechs Regionen Westpapuas. Er fordert u.a. das Ende der Militäraktionen und einen offenen Dialog der Regierung mit Vertretern der Papua-Bevölkerung, insbesondere mit den Pro-Referendum-Gruppen. Er fordert die Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen durch den Hochkommissar der Vereinten Nationen. Er fordert ebenfalls die Freilassung der acht Studenten, die am 1. Dezember in Jayapura die Morgensternflagge gehisst haben.

 

Hier geht es zum Statement des Kirchenrates von Westpapua vom 8. Dezember 2021 (pdf)