Anhaltender bewaffneter Konflikt und Menschenrechtsverletzungen gegen indigene Papuas

Westpapua umfasst die westliche Hälfte der Insel Neuguinea, die in ihrem östlichen Teil den Nachbarstaat Papua-Neuguinea bildet. Die Provinzen Papua Barat und Papua bilden Westpapua. Obwohl Westpapua sich im Zuge der Entkolonialisierung ab Mitte des 20. Jahrhunderts um Unabhängigkeit bemühte, gehört es seit dem 1. Mai 1963 zum indonesischen Staatsgebiet.

Trotz der Vielfältigkeit der Bevölkerung Westpapuas mit über 250 indigenen Bevölkerungsgruppen mit eigenen Sprachen und Traditionen eint die Papuas ihre Erfahrungen mit Menschenrechtsverletzungen, Marginalisierung und Rassismus.

Papuas streben nach politischen Veränderungen

Die 1945 in Kraft getretene Verfassung von Indonesien orientiert sich an dem Staatsmotto „Einheit in Vielfalt“  und verankert den Schutz der Menschenrechte in der nationalen Verfassung. Auch in dem Gesetzt 21/2001 über die Sonderautonomie Westpapuas finden die Menschenrechte bereits an zweiter Stelle Erwähnung und den Papuas werden „Menschenrechte, religiöse Werte, Demokratie, Recht, kulturelle Werte (…) und das Recht (…), die Ergebnisse der Entwicklung gerecht zu genießen“ zugesprochen. Die Umsetzung dieser rechtlich national geförderten Menschenrechte zu national geschützten Menschenrechten in Westpapua scheitert zum Teil jedoch seit vielen Jahren. Anstatt die Hoffnungen der Papuas zu erfüllen, wuchs in den Jahren seit der Sonderautonomie, Rassismus und Ungleichheit in Westpapua, so der regionale Kirchenrat in Papua in einer öffentlichen Erklärung vom Juli 2020.

Die Papuas fordern von Jakarta seit Jahren politische Unabhängigkeit und eine Stärkung ihrer politischen und bürgerlichen Rechte. Die Bestrebungen der Papuas richten sich darauf, dass der reine Entwicklungs- und Infrastrukturansatz Jakartas in Westpapua durch politische Lösungen ergänzt wird. Dazu muss das Narrativ Jakartas von Westpapua als Region mit Entwicklungsdefiziten aufgelöst und die politische Geschichte mit der aus Sicht der Papuas fortdauernden Kolonialisierung ebenso anerkannt werden, wie der Rassismus gegen Papuas als eine Ursache für den mangelnden Schutz der Menschenrechte und als eine Ursache für die Entwicklungsprobleme in Westpapua.

 

Anti-Rassismus-Bewegung #PapuanLivesMatter 

Die Anti-Rassismus-Demonstrationen im August und September 2019 und die PapuanLivesMatter-Bewegung im Sommer 2020 haben die Menschenrechtsverletzungen in Westpapua auch über die Grenzen Westpapuas sichtbar gemacht und mit einer weltweiten Anti-Rassismus-Bewegung verknüpft, die sich gegen Polizei- und Militärgewalt richtet. Die Papuas nehmen dies zum Anlass und prangern die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen der vergangenen Jahre an. 

 

Weitverbreitete Proteste gegen OTSUS II

Hochrangige Regierungsbeamte sprachen sich dafür aus, die Sonderautonomie Westpapuas (OTSUS) durch eine Verlängerung der Autonomiefonds zu verlängern, die andernfalls im Jahr 2021 enden würde. Papuanische Studenten starteten friedliche Proteste dagegen in Manado, Makassar, Timika, Nabire und Jayapura und forderten ein Referendum. Die Demonstrationen wurden entweder aufgelöst oder von der Regierung abgeschreckt, was den demokratischen Raum einschränkte. Die "Volkssolidarität für Westpapua", die aus mindestens 102 Organisationen besteht, gab im November bekannt, dass 520.261 Menschen ihre Petition gegen OTSUS vol. II unterschrieben haben.

 

Kirchen und Volksrat der Provinz Papua rufen zu Verhandlungen zwischen ULMWP und Jakarta auf

Im Februar schlug der MRP Präsident Jokowi vor, einen Dialog mit der ULMWP aufzunehmen. Die Kirchen in Westpapua unterstützen diesen Weg, um eine friedliche Lösung des Konflikts zu finden. Der Aufruf kam als Reaktion auf die bewaffneten Zusammenstöße im zentralen Hochland Westpapuas, die sich seit Dezember 2018 verschärft haben.

 

Selbsterklärte provisorische Regierung von Westpapua

Am 1. Dezember 2020 bildete die ULMWP eine provisorische Regierung mit dem Exilführer Benny Wenda als Interimspräsident. Sie zielt darauf ab, die Papuas für ein Referendum über die Unabhängigkeit zu mobilisieren, was Indonesien ablehnt.

 

COVID-19 reduziert die Freiheiten der Zivilgesellschaft

Polizei und Militär benutzen COVID-19 Gesundheitsprotokolle, um hartes Vorgehen und zunehmend exzessive Gewaltanwendung gegen Papuas und Regierungskritiker im Allgemeinen zu rechtfertigen. Demonstrationen gegen die Verlängerung der Sonderautonomie wurden unter dem Vorwand der Gesundheitsprotokolle verhindert oder aufgelöst. Der Aufforderung des UN Hochkommissariats für Menschenrechte, politisch Inhaftierte zu Beginn der Pandemie frühzeitig aus der Haft zu entlassen, folgte die indonesische Regierung nicht.

 

Omnibus-Gesetz

Das Omnibusgesetz, das ausländische Investitionen und das Wirtschaftswachstum in Indonesien ankurbeln soll, wurde von vielen Gruppen der Zivilgesellschaft kritisiert. Das am 5. Oktober 2020 vom Parlament verabschiedete Gesetz fördert ein nicht nachhaltiges Wirtschaftswachstum und gibt grundlegende Rechte zum Schutz von Arbeitnehmern und der Umwelt auf. Dahinter steckt die Botschaft, dass Wirtschaftswachstum weiterhin die oberste Priorität der Jokowi-Regierung ist, auf Kosten von Menschenrechten und Umweltschutz.

 

Administrative Teilung der Provinz Papua

Im September 2020 kündigte Jakarta einen Plan an, Papua in fünf Provinzen aufzuteilen. Die Mehrheit der Interessenvertreter, einschließlich des Gouverneurs und der Versammlung des Papua-Volkes (MRP), sind dagegen. Sie argumentieren, dass diese Aufteilung das im Papua Special Autonomy Law (UU Nr. 21/2001) beschriebene Verfahren zur Bildung neuer Autonomieregionen ignoriert. Desweiteren könnte die Zentralregierung die Stationierung von Militär weiter erhöhen, da eine Provinz „Anspruch“ auf Stationierung einer bestimmten Militärpräsenz hat. Auch wäre ein Schub an Korruption zu erwarten, denn einflussreiche Posten erhalten nur diejenigen, die viel Geld zahlen können.

 

Jokowi ernennt Täter von Menschenrechtsverletzungen zu Beamten im Verteidigungsministerium

Präsident Jokowi hat Täter von Menschenrechtsverletzungen, die wegen ihrer Beteiligung am gewaltsamen Verschwindenlassen von 13 Aktivisten im Jahr 1998 verurteilt wurden, zu hochrangigen Regierungsbeamten ernannt. Dadang Hendrayudha und Yulius Selvanus gehörten zur Mawar-Gruppe von Kopassus, die in Entführungen und Verschwindenlassen von pro-demokratischen Aktivisten verwickelt war, als der heutige Verteidigungsminister Prabowo Subianto Kopassus leitete.

 

Morde an Kirchenvertretern

Am 19. September 2020 wurde der papuanische Pastor Yeremia  Zanambani tot auf seinem eigenen Grundstück aufgefunden. Er wurde angegriffen während er seine Tiere fütterte.  Mehrere unabhängige Untersuchungsberichte haben das Ergebnis vorgelegt, dass Angehörige der Sicherheitskräfte für den Tod verantwortlich sind. Am 26. Oktober wurde der katholische Katechet Rapinus Tigau von Angehörigen des Militärs erschossen. Herr Tigau war ein indigener Papua und für die Diözese Timika tätig.

 

Binnenflüchtlinge in Westpapua

Aufgrund des anhaltenden bewaffneten Konflikts zwischen Kämpfern der Nationalen Befreiuungsarmee und dem indonesischen Militär befinden sich derzeit geschätzte 60.000 Papuas auf der Flucht in ihrem eigenen Land. Ohne Genehmigung der indonesischen Zentralregierung ist es nicht möglich, humanitäre Hilfe zum Beispiel durch das Rote Kreuz zu leisten. Die Flüchtlinge sind nicht in der Lage, in ihre Dörfer zurückzukehren, da das Militär im zentralen Hochland von Papua weiterhin Razzien durchführt, die oftmals Folter und außergerichtliche Tötungen zur Folge haben. Das letzte Update zur Situation der Binnenflüchtlinge aus dem Landkreis Nduga gab an, dass 400 Binnenflüchtlinge zwischen Januar 2019 und November 2020 allein in Jayawijaya aufgrund von Krankheiten und anderen Belastungen, denen sie dort ausgesetzt waren, verstarben.